Fabian Grimm

„Ich esse, also jage ich“

 

 

Ullstein Verlag, Berlin 2019, 218 Seiten, 16€

 

Der Auto, Jahrgang 1988, studierte Kommunikation-Design in Berlin und war Vegetarier. Seine Partnerin, ebenfalls Vegetarierin, studierte Forstwirtschaft und dabei war ein Jagdschein für die weitere Karriere obligatorisch. So kamen auf einmal Fachbücher über die Jagd auf dem Tisch und verlangten Aufmerksamkeit. Da der Autor und seine Partnerin vorher noch nie mit der Jagd zu tun hatten, öffnete sich eine ganz andere Welt und es stellte sich die Frage, ob man Tiere selbst töten kann.

 

In dieser Phase besuchten die Beiden ein befreundetes Ehepaar, die in Schottland eine Schaffarm betrieben. Wie sich herausstellte, war es eine „konventionelle“ Schafzucht ohne „Bio“-Zertifizierung. Die Schafe leben das ganze Jahr, abgesehen von extremer Witterung, frei auf den Weiden und werden nicht gefüttert. Die Lämmer werden zum Schlachten verkauft. So entspann sich spontan eine Diskussion zwischen Vegetarier und Fleischesser. Die Vegetarier meinten, man könne doch Milchschafe halten und Milch bzw. Käse verkaufen, dann müsse man die Lämmer nicht töten. Bei näherer Betrachtung stellte sich dann heraus, dass Milchschafe im Stall gehalten und regelmäßig gefüttert werden müssen und ihr Leben um die Melkmaschine kreist. Freien artgerechten Auslauf auf der Weide kennen sie nicht.

 

Nach diesen Diskussionen und weiteren Recherchen kommt der Autor zu dem Schluss, dass man über die Herkunft von Nahrung eigentlich nur dann sicher sein kann, wenn man sie selbst erzeugt, also selbst jagen muss, wenn man Fleisch essen will.

 

Diese Erkenntnis führt dazu, dass sich beide Partner entschließen den Jagdschein zu erwerben und sich bei einer Jagdschule in Brandenburg anmelden. Sie tauchen da in eine für sie vollkommen fremde und oft im Wortsinn unverständliche Welt ein. Die Beschreibung dieser fremden Welt ist spannend und ein zentraler Bereich des Buches, hält sie doch vielen, ob obskuren Gewohnheiten einen Spiegel vor.

 

Beide Partner bestehen die Jägerprüfung und können nun jagen. Im Mittelpunkt steht immer Nahrung und Erlebnis und nicht die Trophäe.

 

Die erste  Beute des Autors ist ein altes Damtier, wobei die selbst vorgenommene volle  Verarbeitung des Stückes zum „mundgerechten“ Fleisch ausführlicher dargestellt wird, als die eigentliche Jagd.

 

In den letzten beiden Kapiteln sind die beiden Partner dann in einem kleinen Dorf in Thüringen gelandet. Sie hat als Försterin ein Revier übernommen und er arbeitet als Kommunikationsdesigner daheim. Beide können also intensiv zur Jagd gehen und erlegen so ihrem gesamten Fleischbedarf des Jahres. Hier wird auch das Thema Wildschaden im Wald sehr gut und nachvollziehbar dargestellt.

 

Fabian Grimm beschreibt seinem Weg vom Vegetarier zum Jäger und Fleischesser sehr anschaulich und überzeugend, allerdings markiert er auch sehr deutlich etliche Seltsamkeiten bei der Jagd, insbesondere im Bereich des jagdlichen Brauchtums, dem er wenig abgewinnen kann. Konservativen Verfechtern des jagdlichen Brauchtums kann man das Buch nicht empfehlen, sie werden es mit Grausen beiseite legen.

 

Ich habe das Buch gerne gelesen, es ist spannend, erfrischend unkonventionell und zeigt dabei manchen verbesserbaren Punkt auf.

 

Jürgen Rosemund